Sensorische Integration

Quelle: Bausteine der kindlichen Entwicklung

von Anna Jean Ayres (unten stehen mehr Informationen und es gibt eine Bestellmöglichkeit)

Ayres bezeichnet diese Zusammenwirkung der Sinne als Sensorische Integration. Sie versteht darunter die sinnvolle Ordnung und Aufgliederung von Sinneserregungen, um diese nutzen zu können. Diese Nutzung kann in einer Wahrnehmung oder Erfassung des Körpers oder der Umwelt bestehen, aber auch in einer Anpassungsreaktion oder einem Lernprozess oder auch in der Entwicklung bestimmter neutraler Tätigkeiten. Durch die Sensorische Integration wird erreicht, dass alle Abschnitte des Zentralenervensystems, die erforderlich sind, damit ein Mensch sich sinnvoll mit seiner Umgebung auseinandersetzen kann und eine angemessene Befriedigung dabei erfährt, miteinander zusammenarbeiten.

Das Gehirn, ordnet, sortiert und verarbeitet Sinneseindrücke, damit ein Verhalten eines Menschen sinnvoll und für ihn bedeutsam werden kann.

Das ist unsere Wahrnehmung. Die Wahrnehmung umfasst dabei Prozesse wie Reizaufnahme, Weiterleitung, Speicherung, Vergleich und Koordination. Durch die Sensorische Integration werden verschiedene Wahrnehmungsbereiche miteinander in Verbindung gebracht.

Wahrnehmungs- und Integrationsstörungen

Die Wahrnehmungsfähigkeit eines Menschen ist von der Funktionsfähigkeit der Sinnesorgane abhängig. Von einer Wahrnehmungs- und damit Integrationsstörung wird jedoch auch dann gesprochen, wenn fehlerhafte Abläufe trotz der Intaktheit der Sinnesorgane im Wahrnehmungsprozess entstehen (z. B. Prozess der Reizweiterleitung oder Reizverarbeitung ist gestört).

Ayres bezeichnet die Sensorische Integrationsstörung als ein “schlechtes Funktionieren” des Gehirns, als ein nicht – richtig – verarbeiten – können von Sinneseindrücke im Gehirn – nicht als Schädigung desselben. Sie spricht davon, dass “die ungenügende Leistung des Gehirns besonders die Sinnesorgane betrifft.”

Ursachen

Ayres erwähnt in ihrem Buch organischen Ursache (Hirnfunktionsstörung). Als “sensorische Mangelsituation” bezeichnet sie ein Leben, in dem Kinder eingeschränkte soziale Kontakte haben und wenig Bewegungs- und Materialerfahrung machen können. Sie verweist dabei auf verschiedenartige Tests, aus denen hervorging, dass Versuchstiere, die ohne sensorische Stimulation aufwuchsen, schwere Störungen und abnormale Verhaltensmuster entwickelten. Sie schlussfolgert, dass, wenn das Gehirn einen Mangel an sinnlichen Wahrnehmungen ausgesetzt ist, die Verarbeitungsprozesse für normale Reizwahrnehmungen zerfallen. Eine weitere Ursache vermutet sie in der unvollständigen oder defekten Reizweiterleitung. Störungen in einem Wahrnehmungsbereich sind sehr selten. In der Praxis auftretende Probleme sind meistens eine Kombination unterschiedlicher Symptome.

Ayres (Buch, S 118 ff.) unterscheidet
– Störung des vestibulären Systems
– Störung der visuellen Wahrnehmung, Hör- Sprachprobleme
– Störung der Verarbeitung von Sinnesreizen (Autismus)
– Entwicklungsbedingte Dyspraxie
– Taktile Abwehr

Störung der taktilen Wahrnehmung
Über- und Unterfunktion des Tastsinns.

Bei herabsetzten Berührungsempfinden bedarf es intensiver Reize, da geringfügige taktile Empfindungen kaum wahrgenommen werden. Häufige Schmerzunempfindlichkeit, die Suche nach massiven Berührungsreizen und wenig soziale Hemmschwellen sind typische Merkmale. Bei einer taktilen Überempfindlichkeit ist ein genau entgegengesetztes Verhalten auffällig.

Ayres (187 ff.) bezeichnet diese Störung als “taktile Abwehr” – eine Tendenz, negativ und emotional auf Berührungsreize zu reagieren.

Berührungsabweisende Kinder empfinden taktile reize als unangenehm, reagieren mit zurückziehen, Aggression, Vermeidung oder Furcht. Diese Kinder brauchen mehr Berührungen als andere. Jedoch können Tastimpulse weniger gut abgestimmt werden, das Berührungssystem wird überfordert.

Die Konsequenz ist häufig, dass es zu Konflikten in den sozialen Beziehungen kommt.

Typische Reaktionen bei taktilen Wahrnehmungsstörungen
– Abwehrverhalten oder Furcht bei Annährungen, besonders, wenn diese von hinten erfolgt
– Verbale Abwehr durch Beschimpfungen
– Spontane, unerklärliche und aggressive Wutausbrüche ohne erkennbaren Anlass
– Ängstliches Verhalten, bedroht fühlen
– Berührung, der Austausch von Zärtlichkeiten (jeglicher körperlicher Kontakt) werden als unangenehm empfunden und abgelehnt (besonders im Gesicht)
– Ungewöhnliches Bedürfnis, bestimmter Materialien (Fingerfarbe, Sand, Kleister) zu meiden (Überempfindlichkeit), aber auch Bevorzugung ausgewählter Oberflächen.
– Überreaktion auf akustische, meist unbekannte und nicht zu identifizierende Geräusche
– Auswahl oder Ablehnung bestimmter Speisen (auch wegen des Geruchs)
– Sprachverständnis oft besser als Sprachproduktion (Stammeln, Dysgrammatismus)

Störung der propriozeptiven Wahrnehmung

Ungenaue und undifferenzierte Informationen über die Spannung und Lageveränderung der Muskulatur und Gelenke haben eine unzureichende Eigenwahrnehmung zur Folge.

Bei einer Störung der Tiefenwahrnehmung habe die betroffenen Personen kein differenziertes Körpergefühl. Einzelne Körperteile können im Körperschema fehlen. Bei komplexen Tätigkeiten werden die einzelnen Körperteile nicht oder nur nach Aufforderung benutzt. Das erlernen komplexer Bewegungsabläufe dauert länger, die Automatisierung von Bewegungen ist erschwert. Ein gezielt gesteuerter Bewegungsablauf und das Dosieren des Krafteinsatzes ist beeinträchtigt. Häufig treten Probleme in der Figur- Grund- Wahrnehmung auf, da die Differenzierung einzelner Reize und ihre unterschiedliche Bedeutsamkeit gestört ist. Sozial Konsequenzen hat die ausdrucksarme Mimik.

Typische Reaktionen bei propriozeptiven Wahrnehmungsstörungen
– unabsichtliches Anstoßen anderer Kinder (häufiger Auslöser für Rangeleinen)
– verlaufen sich leicht, erkennen Wege auch in bekannter Umgebung nicht wieder
– Ordnung machen und halten fällt schwer
– Schweres Erlernen der Buchstaben, unterschiedliche Schriftgröße und Richtung
– Störung der Stereognosie (ertasten und zuordnen derselben Form gleichzeitig mit beiden Händen ist problematisch)
– Bewegungssteuerung und Kraftdosierung sind nicht entsprechend
– Bewegungen können nicht spontan gestoppt werden
– Begrenzungslinien beim Malen können nicht eingehalten werden
– Permanentes, unbewusstes Ausgleichen von Untergrundveränderung ist schwer möglich
– Langsames Arbeiten, oft ineffektiv
– Wenig differenzierte Fingerbewegung lassen auf Störungen im Bereich der Feinmotorik schließen
– Anziehen komplizierter Kleidungsstücke wird vermieden

Störung der vestibulären Wahrnehmung

Auch bei dieser Störung wird zwischen Unter– und Überfunktion differenziert. Bei einer vestibulären Überempfindlichkeit ist zu beobachten, dass Kinder von jeglicher Beanspruchung ihres Gleichgewichtssystem verunsichert sind. Sie vermeiden es zu klettern, zu balancieren und zu schaukeln. Schwindelgefühl und Übelkeit bei Drehungen sind typisch. Bewegungsspiele werden gemieden, so dass im Laufe der Zeit aus einer vestibulären Überempfindlichkeit eine motorische Unsicherheit und Ungeschicklichkeit werden kann. (Ayres 118 ff.)

Typische Reaktionen bei vestibulärer Überempfindlichkeit

– oft einhergehend mit taktiler Überempfindlichkeit
– Vermeidung von Rechts- Links Veränderung
– Heftige Reaktionen bei zufälligen Anstoßen
– Neigung zur Selbstunterforderung oder Vermeidung
– Mädchen neigen zum weinen, Jungen neigen zum Überspielen oder Kaspern
– Vergesslichkeit
– Zehenspitzengang; Henkelstellung; Ruderbewegung der Arme
– Spielplätze werden vermieden und Turngeräte nicht freiwillig benutzt

Ein scheinbar nicht zu befriedigendes Bewegungsbedürfnis charakterisiert Kinder mit vestibulären Unterempfindlichkeit. Eine intensive Gleichgewichtsstimulation erfahren sie durch schnelles drehen, schaukeln und wippen. Sie können ihre Leistungsunfähigkeit nicht richtig einschätzen, haben vor nichts Angst und probieren alles aus. Trotzdem haben diese Kinder aufgrund mangelnder vestibulärer Reizverarbeitung Schwierigkeiten in ihrer Bewegungskoordination. Oft sind Orientierungsprobleme im Raum und das Verwechseln von rechts und links beobachten.

Typische Reaktionen bei vestibulärer Unterempfindlichkeit
– Hyperaktivität durch Senkung der Reizschwelle, vestibuläre Stimulation wird permanent benötigt
– Ständiges in- Bewegung – sein, Ruhelosigkeit, kann nicht abwarten
– Häufiges Anstoßen an andere Kinder
– Stürmisches Temperament
– Schrift oft ausfahrend mit wenig Druck
– Kraftdosierung in den Händen zu fest oder zu locker

Therapeutische Grundlagen

“Das Kind dort abholen, wo es ist”, das ist der Ausgangspunkt der Therapie.

Bei der Behandlung geht man davon aus, das die Kinder keine ausreichenden Wahrnehmungserfahrungen machen konnte und die Verarbeitung der Reize nicht so ablief, wie es für ein ungestörte Entwicklung notwendig gewesen wäre.

Ziel ist es, den Menschen die Angebote zu unterbreiten und die Bedingungen zu schaffen, die die Aufnahme und Verarbeitung bestimmte Reize fördert. Wichtig ist das die Kinder ganzheitlich angesprochen werden. Dabei ist nicht nur die Betrachtung der einzelnen Wahrnehmungsbereiche von Bedeutung, sondern die allgemeinen sensorischen und motorischen Möglichkeiten, Motivation, Emotionen, Erfahrungen usw.

In der Therapie müssen Schwerpunkte gesetzt werden, die abhängig von dem zu behandelten Kind und den Möglichkeiten und der Persönlichkeit des Therapeuten sind. Durch die Bewegung lassen sich Erfahrungen aus den drei Grundwahrnehmungsbereichen miteinander in Verbindung bringen.

Bei der Durchführung ist das oberste Gebot das es für beide ein positives Erlebnis ist.

Das Hauptprinzip der Behandlung besteht für Ayres (240 ff.) darin, Sinneseinwirkungen zu schaffen und richtig zu dosieren, so dass das Kind spontan das Nervensystem integriert. Dem Kinder werden verschieden Angebote unterbreitet, aus denen es auswählen kann. Der Wunsch, aktiv zu werden, etwas zu tun, muss vom Kind kommen, auch wenn diese Tätigkeit zuvor nicht erfolgreich durchgeführt werden konnten. “Am intensivsten Kommt eine Integration von Sinneseindrücken zustande, wenn das Kind von sich aus einen bestimmten Reiz wünscht und eine Tätigkeit einleitet, durch die es die gewünschte Empfindungen erhalten kann.”

Quelle:

Bausteine der kindlichen Entwicklung Bausteine der kindlichen Entwicklung
von Anna Jean Ayres
Preis: 27,95 €

Klappentext:
Die Bedeutung der Integration der Sinne für die Entwicklung des Kindes. Das Buch ist für alle Berufsgruppen von Bedeutung, die lernbehinderte, verhaltensgestörte oder hirngeschädigte Kinder pädagogisch und therapeutisch betreuen. Es richtet sich aber ebenso auch an Eltern und Familienangehörige. Jean Ayres’ Therapiekonzept für die Behandlung von Kindern mit den unterschiedlichsten Entwicklungsstörungen wird seit Jahrzehnten mit Erfolg eingesetzt. Das 1984 erstmals in deutscher Sprache herausgegebene Buch kann inzwischen als Standardwerk bezeichnet werden und hat bis heute nichts von seiner Aktualität verloren. Der Erfolg des Buches liegt in dem schlüssigen Therapiekonzept und in der allgemeinverständlichen, von unnötigem Fachvokabular freien Sprache, die Eltern und Therapeuten gleichermaßen erreicht. Die Psychologin und Beschäfigungstherapeutin erklärt wissenschaftlich fundiert die Grundlagen der sog. “sensorischen Integration”: Dieses Ordnen und Verarbeiten von Sinneseindrücken ist ein entscheidender Faktor für kindliche Entwicklung, und eine Vielfalt von Symptomen kann auf Störungen der sensorischen Integration zurückgeführt werden. Die Therapie setzt demzufolge auch hier an und kann fast spielerisch durchgeführt werden. Das Buch ist für alle Berufsgruppen von Bedeutung, die lernbehinderte, verhaltensgestörte oder hirngeschädigte Kinder pädagogisch und therapeutisch betreuen. Es richtet sich aber ebenso auch an Eltern und Familienangehörige.

Inhaltsverzeichnis
– Die Integration der Sinne und das Gehirn: Was versteht man unter Integration der Sinne?
– Beobachtungen bei der Entwicklung der Wahrnehmungsintegration.
– Das Nervensystem von innen.
– Störungen der sensorischen Integration: Was ist eine Störung der sensorischen Integration.
– Störungen, die das Gleichgewichtssystem (vestibuläres System) betreffen.
– Entwicklungsbedingte Dyspraxie: Ein Problem der Bewegungsplanung.
– Taktile Abwehr.
– Störungen der visuellen Wahrnehmung, des Hörens und der Sprache.
– Das autistische Kind.
– Was kann beim Auftreten solcher Störungen getan werden?
– Sensorische Integrationsbehandlung.
– Was können Eltern tun?
– Einige Fragen, die Eltern stellen – und die Antworten.
– Glossar.

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