Sinnvolle Schulvorbereitung

Die Entstehung und die Wirkungsweise der Vorschulmappen:

In den 60iger Jahren bekam die westliche Welt einen Schock, ausgelöst durch Russland, den sogenannten Sputnik-Schock. Die Russen waren die ersten, die einen Satelliten in den Weltraum schossen und die westliche Welt wollte natürlich alles tun, um den vermeintlichen Bildungsrückstand aufzuholen.

Erste Schritte dazu waren, dass z. B. Frauen an der Uni erstmals zu naturwissenschaftlichen Fächern zugelassen wurden (man beachte, dass war nicht mal 40 Jahre her!). Lehrpläne wurden geändert und um schon bei den Kleinen anzusetzen wurden die Vorschulblätter, ja ganze Vorschulmappen im Kindergarten eingeführt (Anfang der 70iger) die systematisch durchgearbeitet wurden.

Damals wurde angenommen, dass dadurch die Denkleistungen gestärkt und gefördert werden.

Doch heute ist man da ganz anderer Ansicht:

Durch Gehirnforschungen, die damals natürlich noch nicht so weit waren wie heute, hat man festgestellt, dass Lernen nicht durch das systematisches Erarbeiten von Vorschulblättern geschieht.

Heute weiß man, dass Lernen ganz anders vollzogen wird und zwar durch ganzheitliche Sinneserfahrungen, wie dass z. B. schon bekannte Pädagogen wie Maria Montessori festgestellt haben.

Man muss sich vor Augen halten, dass diese von den Eltern geforderte Vorschulblätter nichts anderes als Intelligenztests sind. Die Fähigkeit des Kindes Denkleistungen und Wissen auf das Papier zu übertragen wird abgefragt. Diese Test sind in der Regel nicht objektiv, da Faktoren wie Tagesverfassung, Spicken usw. das Ergebnis verfälschen. Deshalb macht das Wiederholen der Arbeitsblätter auf keinen Fall schlauer, vielmehr hat das “Nichtbestehen” des Vorschulblattes weitgreifendere Ursachen, die gefunden und beseitigt werden müssen.

Das Trainieren von nicht geschafften Arbeitsblättern ist somit eine Symptombekämpfung und keine Ursachenbekämpfung!

Wie lernen Kinder?

Kinder lernen vor allem durch beobachten, experimentieren, nachahmen und spielen. Dies geschieht durch alle Sinne.

Sinneserfahrungen, die ein Kind aus erster Hand (direkt, nicht nur durchs Fernsehen) macht und die verarbeitet werden, helfen Nervenbahnen zwischen den Nervenzellen aufzubauen (= Verknüpfungen), welche die Reize über die sinnesaufnehmenden Zellen ans Gehirn weitergeben.

Je mehr Erfahrungen das Kind macht, um so mehr Verknüpfungen bilden sich und um so schneller kommt es zu einem “AHA”-Effekt.

Die sensible Phase zur Bildung der Verknüpfungen ist in den ersten sieben Lebensjahren. Deshalb ist eine frühzeitige Einschulung nur sinnvoll, wenn sich die Schulen mehr auf ein sinnorientiertes Lernen (ganzheitlich) besinnen. Nur so können die Kinder Lernen lernen.

Übrigens: es gibt Studien, das 30 % der frühzeitig Eingeschulten 1 bis 3 mal sitzen bleiben. Bei regulär Eingeschulten sind es nur 18%. Die vorzeitig Eingeschulten haben oft schon in der Grundschule Probleme. Grundsätzlich ist das Sitzenbleiben kein Problem, da sie eh jünger sind, aber man bedenke, dass sich dadurch auf jeden Fall ein Gefühl des Versagens und Scheiterns aufbaut, was für das Selbstwertgefühl nicht gerade fördernd ist.

Die Möglichkeit der frühzeitigen Einschulung wurde bei uns hauptsächlich im Hinblick auf die Europäisierung eingeführt, ohne aber die Lehrpläne und das Hierarchiedenken in der Schule zu ändern. Man bedenke, dass in sehr vielen europäischen Ländern vorwiegend an Montessori-Schulen (= ganzheitliches Lernen) unterrichtet wird.

Basis fürs Lernen:

Das Lernen erfolgt über die Sinne. Hierbei unterscheidet man die körpernahen Sinne (= Basissinne) und die Fernsinne. Die Basissinne sind dabei die Grundlage. Die meisten Störungen sind auf ein Defizit bei den Basissinnen zurückzuführen.

Alle anderen Sinne (Fernsinne) bauen auf die Basissinne auf. Defizite in den Basissinnen führen zu Defiziten in den Fernsinnen!

Basissinne:

– Tastsinn (taktiles System) – den eigenen Körper erfahren, vor allem durch Hautberührungen/Körperschema wahrnehmen

Bewegungssinn:

– kinästetisches System (Stellung der Körperglieder zueinander, durch Nervenzellen an das Gehirn gemeldet) – Übungen z. B. durch Einfrierspiel, Körperteile mit geschlossenen Augen finden
– propriozeptives System (starker Druck auf Muskeln, Tiefensensibilität) – Übungen durch Hüpfen, Stampfen usw. ist gut für das Zählen!
– Gleichgewichtssinn (vestibuläres System)

Diese Sinne “leiden” heute meist unter Reizarmut. Durch alte Kinderspiele wie z. B. Kästchenhüpfen (Bewegen, Zielen, Hüpfen), Seilspringen (Hüpfen, Schwingen..) können diese Sinne optimal gefördert werden. Bewegungen werden verknüpft, Lernen erfolgt. Es heißt nicht umsonst: das ist ein-gängig

Ich ver-stehe

Zu Störungen kann es z. B. auch durch Frühgeburt kommen. Durch das fehlende Schaukeln im Mutterleib wird der Gleichgewichtssinn nicht vollständig ausgebildet. Diese Kinder lernen oft sehr spät erst laufen.

Das gleiche Problem kann es geben, wenn die Schwangere viel Liegen muss.

Durch Kaiserschnitt kann es wegen der fehlenden enge im Geburtskanal zu Defiziten im Tastsinn (Körperwahrnehmung) und Bewegungssinn kommen.

Abhilfe kann durch Babymassage, Babyschwimmen, Körperwahrnehmungsübungen, viel Balancieren, Klettern, Schaukeln und in schwereren Fällen durch Ergotherapie geschaffen werden.

Fernsinne:

Die Fernsinne entwickeln sich beim Kind genau in der gleichen Reihenfolge, wie sich auch die Sinne im Mutterleib entwickeln. Genau gesehen beginnt somit Vorschule eigentlich schon im Mutterleib!

– Geruchssinn (olfaktorisches System)

– Geschmackssinn (gustatorisches System)

– Gehörsinn
– akustisches System (betrifft nur das Organ)
– auditives System (Verarbeitung des Gehörten im Gehirn, den Sinn verstehen und verknüpfen z. B. roter Ball = Farbe dem Objekt zuordnen)
– Tastsinn (etwas anfassen)
– Sehsinn
optisches System (Organ Auge)
visuelles System (Verarbeitung und Verknüpfung im Gehirn wie Wiedererkennen)

Die Fernsinne leiden meist unter Reizüberflutung.
Übrigens: um Handlungsabläufe, Körpererfahrungen u. ä. zu festigen bzw. zu ändern muss der Kontakt zwischen 20.000 – 100.000 Mal da sein.

Schulfähigkeit des Kindes:
Das soziale Umfeld hat eine große Rolle bei der geistigen Entwicklung des Kindes. Ansonsten wirken die Sinne auf die Schulfähigkeit:
– kognitive Voraussetzungen (durch Verknüpfungen der Nervenzellen)
– körperliche Voraussetzungen (z. B. Schulranzen tragen können)
– soziale Voraussetzungen (Selbstwert, Körpergefühl – Raufkinder haben oft ein fehlendes Körpergefühl)
– emotionale Voraussetzungen (werden besonders durch den Bewegungssinn gefördert. Z. B. krabbelt ein Kind zum Objekt seiner Begierde hin, erreicht es, hat ein Erfolgserlebnis und stärkt somit sein Selbstvertrauen)

Die sinnvollste Förderung der Kinder erfolgt immer entwicklungsgemäß. Grundlage dafür ist eine gute, differenzierte Beobachtung des Kindes, woraus sich dann die Fördermöglichkeiten ergeben.

Die Basissinne wirken, an Beispielen gezeigt, auf die Schulfähigkeit der Kinder ein:
– Der Gleichgewichtssinn wirkt durch die Bewegung auf den Gehörsinn ein. Der Gehörsinn ist ausschlaggebend für das Kurzzeitgedächtnis (hören, abspeichern, abrufen).
– Der Gleichgewichtssinn hat Einfluss auf den Sehsinn. Nur wenn das Gleichgewicht stimmt können die Kinder in der Zeile, auf der Linie schreiben.
– Nur wer rückwärts gehen kann, der kann auch rückwärts (minus) rechnen.
– Die Körperwahrnehmung (Tastsinn) ist wichtig um oben, unten, links, rechts zu unterscheiden.
– Nur wer sich selbst gut spürt, kann mit Formen außerhalb seines Körpers umgehen, kann den Raum erfahren.
– Nur so kann man Buchstaben richtig schreiben. Diese Raumorientierung kann nur über Bewegung aufgebaut werden. Die Bewegungen werden nur sicher, wenn die Körperwahrnehmung stimmt …
– Kinder mit Defiziten in den Basissinnen fallen entweder durch übermäßige Aktivität oder durch auffallende Passivität auf.

Eine Überaktivität ist meist das Anzeichen für einen Mangel.

Beispiel für obiges:

Ein Kind kann nicht auf der Linie schneiden. Im “Normalfall” übt man mit den Kind das Schneiden bis zum Umfallen, setzt aber damit an seinen Schwächen an (Selbstwert!) und zerstört seine Motivation.

Besser: Sieht das Kind die Linie, kann es sie wahrnehmen? Kann es überhaupt auf der Linie laufen (vorwärts und rückwärts)? Kann es den Raum erfassen?

Über die Erfahrungen durch das Große (Körper) kommt man dann so zum Kleinen (Feinmotorik, hier schneiden auf der Linie)

Beispiel: Ein Vorschulkind malt noch Kopffüßler. Kinder malen in der Regel was sie an sich spüren (Wahrnehmung). Spürt sich das Kind? Seinen Bauch, seinen gesamten Körper?

Förderung z. B. durch Massagespiele

Beispiel: Ein Kind kann beim Haus kein Spitzdach malen. Hat das Kind die Raumdiagonale schon erfahren?

Erst wenn das Kind die Schräge mehreren 1000 Mal gerannt ist, wird das Gefühl der Diagonale im Gehirn abgespeichert (Verknüpfung dafür bildet sich). Fehlt diese Erfahrung, dann gibt es Probleme bei Überkreuzbuchstaben (l, g)

Beispiel: Kann ein Kind die Schere nicht auf und zu machen, fehlt es nicht an Übung sondern es hat meist einen schwachen Muskeltonus. Durch Kneten kann dieser geübt und gestärkt werden.

Grundsätzlich gilt:

Je mehr Sinne gleichzeitig tätig sind, um so besser/mehr lernen die Kinder (= Abspeicherung im Gehirn). Die Basissinne werden dabei immer beansprucht/berücksichtigt!

Beispiele für sinnvolle Vorschulübungen:

Turnen mit Wollpompons:
– Experimentieren (Formen, Größen erfahren, Ausprobieren …)
– Barfuß darüber gehen (Tastsinn, Bewegungssinn)
– Linien, Bilder legen (Farben, Formen erfahren)
– Auf den Linien vorwärts und rückwärts gehen (Rechnen!)
– Farben lernen durch Zuordnen, Farbspiele
– Transportieren der Ponpons (Bewegungssinn, Tastsinn)
– usw.

Turnen mit Gummis:
– Mit Einweggummis Krafttraining machen (Bewegung)
– Einweggummi über die Füße, gehen (Tastsinn, Bewegungssinn)
– Gummi so weit es geht nach oben schieben (Körper spüren)
– Gummimaschine: Alle haken sich irgendwie bei den anderen in die Gummis bis eine “Maschine” entsteht. Auf Kommando rauf und runter, vor und zurück gehen (Richtungen erfahren)
– Einweggummis auf Boden verteilen, Kind mit geschlossenen Augen über den Boden führen, wenn es einen Gummi spürt, sagt es Stopp.
– Bekommt als Belohnung einen kleinen Gummiring für den Finger. So lange bis die Finger der Hand voll sind (Tastsinn, Füße und Finger spüren, Zahlen –5- erleben)

Turnen mit Wäscheklammern (verschiedene Größen und Farben)
– Unter einem großen Haufen Wäscheklammern muss eine einzelne herausgesucht werden (Bewegung, Kommunikation, Sortieren nach Größe)
– Zwei Kinder dürfen sich aneinander klammern (Tastsinn, Bewegung)
– Jeder bekommt 5 Klammern (verschiedene Größen und Farben) an die Kleidung. Die Kinder dürfen sich gegenseitig die Klammern klauen. Aber immer nur eine runter, an die eigene Kleidung, dann weiterklauen (Bewegung, Motorik)
Variante: Man darf nur eine Farbe klauen (Farben lernen)
Variante: Man darf nur eine Größe klauen (Größe üben)
Variante: aus beiden obigen
– Jeder entfernt möglichst schnell alle Klammern von seiner Kleidung und wirft sie auf einen Haufen (Schwache gewinnen hier!)
– Konstruktionsspiel: Kinder bauen Phantasiegebilde aus den Wäscheklammern, geht auch um die Wette
– Schneckenspiel: Ein Kind ist die Schnecke und hat die Augen verbunden. Die Schnecke krabbelt durch den Raum und alle Kinder versuchen der Schnecke eine Wäscheklammer an die Kleidung zu heften. Spürt die Schnecke was, bleibt sie stehen und die Klammer muss behalten werden.
Variante: Schnecke hat alle Klammern an der Kleidung und Kinder versuchen sie zu entfernen ohne dass die Schnecke etwas merkt (Bewegung, Wahrnehmung, Rücksichtnahme)

Fotokarten

Fotos von den Kindern in allen möglichen Stellungen (liegend, winkend usw.) machen. Diese Bilder auf Karton aufkleben. Diese Karten bieten unzählige Spielmöglichkeiten zur Förderung der Basissinne:

– Kind zieht Karte, macht die Person auf dem Foto möglichst genau nach (Gesichtsausdruck, Körperstellung), Kinder raten, wen er darstellt (Bewegungssinn)
– Kind ist passiv, wird von anderen Kindern nach dem Foto modelliert (Tastsinn)
– Rückseite der Fotokarte mit verschiedenen Materialien bekleben. Mit den gleichen Materialien Umhängekärtchen gestalten, Kind darf fühlen, welche Karte zu welchem Kind gehört (Tastsinn)
– Kinder tanzen, auf Signal wird ein Bild hochgehalten, alle Kinder, bis auf dem Kind auf dem Foto dürfen sich hinsetzen (Bewegung, Sehen)
– Alle Laufen auf ein bestimmtes Signal zu einer Karte hin (Bewegung)
– Kartenstraße legen, vorsichtig darüber balancieren
– Kind legt sich hin, andere Kinder schauen, wie viele Karten auf dem Kind platziert werden können (mit Tesakrepp) (Tastsinn)
Variante: es werden 3 Karten gezogen und diese Kinder dürfen sich vorsichtig auf das Kind legen (Tasten, Muskeldruck)

Entspannungsübung/Massage (Tastsinn, Körperwahrnehmung)

– Kind wird vom Partner an verschiedenen Körperstellen mit Druck berührt.
– Kind wird von Gruppe nach und nach mit den Händen am Körper bedeckt
– Kind wird mit Chiffontücher bedeckt
– Davon Foto machen, nachbauen lassen (Farben, Wahrnehmung)

Außerdem sollten/können alle Tischspiele zu Bewegungsspielen umgestaltet werden. So wird die Selbstwahrnehmung geformt.

Sinnvolle Materialien

– Igelbälle (Tastsinn)
– Tücher und Decken zum Einwickeln
– Hängematten (Tast, Bewegungs- und Gleichgewichtssinn)
– Turnmatten für Sandwichspiele
– Verkleidungskiste mit Stretchschläuche, enge Schuhe …
– Pferdebandagen zum Balancieren und Einwickeln
– Knete
– Creme zum Eigenportrait auf dem Spiegel malen, Körpererfahrung
– Muscheln (tasten, sortieren)
– Badeutensilien wie Schwamm, Bürste, Luffa, Handtuch (Körpererfahrungen), evtl. Sanduhr
– Verschiedene Nüsse (sortieren, Fühlen, Laufspiele, Balancieren)
– Glasdekokugeln (Ozeantrommel, Hand- und Fußmassage, Sehspiele z. B. nach der andersfarbigen schauen, Schüttübungen)
– Allesfresser aus einem alten Tennisball gestalten (Mund reinschlitzen, Augen aufkleben)  Kann alles auffressen, man kann ihn mit dem Löffel füttern, würfeln, wie viel er fressen darf. Und wenn er voll ist, muss alles wieder raus (grins)
– Puppenbesteck in allen Größen und Formen. Kinder suchen z. B. alle Löffel raus und stellen fest, dass Löffel auch verschieden ausschauen können und doch Löffel sind (Schreib- und Druckschrift)
– Schlüsselringe und Fingerhüte (Tastsinn)

Für die Elternarbeit kann z. B. ein Fotos von den Kindern gemacht werden, wie sie über die selbstgelegten Linien laufen. Foto aushängen und dazuschreiben:

Hier wird das taktile und propriozeptive System gefördert. Diese Fähigkeiten brauchen die Kinder später, um gut rechnen zu können.

Buchtipps:

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